Interview mit Andreas Steiger

Im Gespräch mit Spieleautor Andreas Steiger über sein Targi, die Erweiterung und den Mensch hinter dem Spiel.

Targi_Box-vertAnlässlich der Ankündigung der Targi-Erweiterung, hat das Spielevater-Team, genauer gesagt Oliver und Simone, die Chance wahrgenommen, exklusiv mit Autor Andreas Steiger über das Spiel zu reden. Wir freuen uns das es geklappt hat, als einer der Ersten mit Ihm über die Targi-Erweiterung zu plaudern.

 

Oliver: Andreas, viele kennen nur deinen Namen, kannst du einen kurzen Steckbrief für unsere Leser von dir erstellen?

Gerne, mein Name ist Andreas Steiger. Ich bin 43 Jahre alt, habe eine tolle italienische Frau namens Antonella und zwei Söhne Luca (9 Jahre) und Nico (6 Jahre). Ich wohne in Kirchheim/Teck, das liegt in der Nähe von Stuttgart. Beruflich arbeite ich seit vielen Jahren in einem privaten Kindergarten als Erzieher. Meine beiden größten Hobbys sind Brettspiele und Improvisationstheater. Brettspielfan bin ich seit ca. 11 Jahren. Entstanden ist meine Leidenschaft für Brettspiele durch die Schwangerschaft meiner Frau mit unserem ersten Sohn. Als sie dann schon hochschwanger war und wir nicht mehr so viel durch die Gegend ziehen konnten, suchten wir nach einer Alternative zum nur Lesen und Fernsehen schauen und haben ein paar Spiele aus dem Schrank gekramt, Carcassonne und so. Das hat uns irgendwie gepackt, ich bin dann losgezogen und habe einfach ein paar aktuelle Spiele gekauft und war überrascht, wie viele tolle Spielmechaniken und Spielideen es gibt. Dadurch sind wir zu Spiele-Fans geworden. Mittlerweile spielen wir mindesten an zwei bis drei Abenden die Woche und haben ca. 300 Spiel im Schrank. Beim Improvisationstheater spiele ich seit ungefähr 10 Jahren in einer festen Gruppe. Unser besonderes Format sind abendfüllende, improvisierte Krimis, welche wir regelmäßig vor meist ausverkauften Häusern spielen. Das macht mir sehr viel Spaß. Ja, und durch Targi bin ich auch zum Spieleautor geworden.

Oliver: 4 Jahre ist es jetzt her, dass dein erstes Spiel „Targi“ bei Kosmos veröffentlicht wurde. Und im selben Jahr bekam es auch schon die ersten Auszeichnungen und war zum Kennerspiel des Jahres 2012 nominiert. Warst du überrascht von dem Erfolg?

Ich erinnere mich noch gut daran dass ich kurz nach der Veröffentlichung von Targi regelrecht Bammel hatte, dass das Spiel sich gar nicht verkaufen könnte und ich dem Verlag damit sogar finanziellen Schaden zufügen würde. Als dann die ersten Rezensionen eintrudelten und diese durchweg positiv waren, viel mir schon ein großer Stein vom Herzen, und ich merkte erleichtert, dass das Spiel gut ankommt. Die Kennerspiel Nominierung kam dann doch sehr überraschend, vor allem deshalb, weil vor Targi kaum ein reines Zweierspiel es jemals auf die Nominierungsliste geschafft hatte. Spätestens da waren alle Ängste und Zweifel weggeblasen, nicht zuletzt, weil ich für Targi viel positives Feedback aus der ganzen Welt bekommen habe. Das macht einen dann doch schon sehr stolz und glücklich.

Simone: Wie viele Exemplar von Targi wurden seit Erscheinen verkauft, hast du da einen Überblick?

Das ist kein großes Geheimnis, da die momentane Verkaufszahl im aktuellen Kosmos Katalog veröffentlicht wurde. Allein in Deutschland hat sich Targi über 50.000 mal verkauft, das sind schon Zahlen, mit denen ich anfangs nicht im Traum gerechnet hätte. Wobei Targi in Deutschland schon extrem erfolgreich ist, im Ausland hat sich Targi bei Weitem nicht so oft verkauft.

Simone: Also gibt es Targi nicht nur in Deutschland?

Nein Targi ist in Holland, Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland, den USA und sogar in Japan erschienen. Wobei die Japaner einen extrem hohen Aufwand betrieben haben und extra einen Übersetzer aus Berlin einfliegen ließen, nur um mich auf der Spielmesse persönlich zu fragen, ob Ihr Verlag Targi in Japan herausbringen darf. Wohl wissend das die Lizenzrechte nicht bei mir, sondern bei Kosmos lagen. Sie wollten ohne die Zusage des Autors dort aber erst gar nicht vorstellig werden. Das war schon sehr herzergreifend, fast so als ob ein junger Mann beim Vater der Tochter um deren Hand anhält. 🙂 Zu den Japanern habe ich heute immer noch einen sehr guten Kontakt, obwohl das Spiel mittlerweile gar nicht mehr im Programm ist 🙂

Oliver: Ist der Erfolg im Ausland ähnlich wie in Deutschland?

Nein, die Verkaufszahlen sind im Ausland bei Weitem nicht so hoch. Aber ein schöner Achtungserfolg ist es vor allem in den USA wo es in der Spieledatenbank von Boardgamegeek sehr geschätzt und sehr gut bewertet wird.

Simone: Wie lange hast du damals an Targi „gebastelt“?

Die Grundmechanik bis hin zum ersten fertigen Prototypen gingen recht schnell und war schon nach drei Monaten abgeschlossen. Das lag vor allem daran, das ich sehr spezifisch wusste, was ich im Spiel haben wollte und was mir wichtig war. Das Feintuning und die Gestaltung von der Zusage von Kosmos, bis hin zum fertigen Spiel, hat dann aber doch noch mal ein Jahr gedauert.

Oliver: Hat die Redaktion von Kosmos dein Spiel so übernommen wie es war, oder wurden Änderungen gemacht? Wenn Ja, welche?

Das schöne bei Targi ist, das der Verlag kaum Veränderungen vorgenommen hat. Als mich der Redakteur Wolfgang Lüdtke anrief, sagte er: „Wir lassen es so wie es ist! Thema super, Mechanismus super, Setting super, Name super. Da ändern wir nichts!“
Das ist schon die ganz große Ausnahme, und da bin ich auch sehr stolz darauf. Den ursprünglichen Namen „Tuareg“ mussten wir dann aber doch noch aus anderen Gründen ändern. Ansonsten kann ich die wesentlichen Veränderungen an einer Hand abzählen, hauptsächlich wurde noch etwas Feinschliff betrieben. Zum Beispiel wurde die Anzahl der Stammeskarten aus produktionstechnischen Gründen von 90 auf 45 reduziert. Das waren dann schon langwierige Überlegungen: Welche Karten bleiben drin, welche fliegen raus?
Ich hatte das große Glück das Wolfgang Lüdtke ein fantastischer und sehr erfahrener Redakteur ist, er hat auch noch bei Targi die Formulierungen der Kartentexte überarbeitet.

Oliver: Gab es mal Ideen, für Targi eine Mehrspieler-Variante zu machen?

Ja es gibt tatsächlich eine Mehrspieler-Variante. Eine Weile haben wir darüber nachgedacht diese in die Erweiterung zu packen. Habe diese Variante aber dann doch wieder verworfen. Das Schöne an Targi ist ja das es sich so flott spielt. Mit mehr als zwei Personen zieht sich das Spiel aber doch schon sehr in die Länge. Zudem gibt es ja genügend tolle Worker-Placement Spiele für mehrere Personen, für nur zwei Spieler jedoch sehr wenige und so bleibt Targi etwas besonders.

Oliver: Kommen wir aber jetzt zu den Neuigkeiten. Zur SPIEL‘16 in Essen erscheint jetzt bei Kosmos die Erweiterung zu Targi. Viele haben darauf gewartet. Warum hat es dann doch so lange gedauert?

Targi

(c) Kosmos

Wenn man mal von den Megasellern wie „Catan“ absieht ist die Firma Kosmos ja nicht gerade bekannt dafür viele Erweiterungen für Ihre Spiele herauszubringen, von reinen Zwei-Personen-Spielen ganz zu schweigen. Für einen Verlag ist es immer ein Risiko eine Erweiterung zu einem Spiel zu machen. Die Verkaufszahlen bleiben meist weit hinter denen des Grundspiels. So muss zum einen das Spiel erst einmal grundsätzlich eine starke Auflage besitzen, zum anderen hat mir mein Redakteur von Anfang an gesagt, das Kosmos keine Erweiterung um der Erweiterung Willen macht, sondern nur, wenn die Testspieler sagen, sie wollen nie wieder ohne diese spielen.
Anfang 2015 durfte ich eine kleine Minierweiterung für den Brettspieladventskalender entwerfen. Bei einem Prototypen Wochenende wurde diese getestet. Im gleichen Zuge wurde auch die große Erweiterung gespielt, bei der ich kurz vorher eine entscheidende Veränderung vorgenommen hatte. Nach diesem Wochenende rief mich mein Redakteur an und sagte:“ Die Testspieler möchten nie wieder ohne die Erweiterung spielen, jetzt müssen wir sie machen!“

Oliver: Was hat den Ausschlag gegeben, überhaupt eine Erweiterung zu Targi zu machen?

Ich bin nach wie vor selber ein Fan des Grundspiels und spiele dies auch regelmäßig mit meiner Frau. Schon bereits vor dem Erscheinen von Targi habe ich, eigentlich hauptsächlich für meine Frau und mich, neuen Karten für Targi entworfen und mit neuen Ideen und Mechaniken herumexperimentiert. Irgendwann ist so genügend Material entstanden das ich die Erweiterung Kosmos vorgestellt habe.

Simone: Hattest du die Ideen zur Erweiterung schon vorher, oder war die Idee einer Erweiterung der Antrieb?

Ich habe lediglich einige der ursprünglichen Karten, welche es nicht ins Spiel geschafft hatten, wiedererweckt. 90% des Inhaltes sind neue Ideen und Mechaniken welche ich ursprünglich, wie gesagt, in erster Linie zum Eigengebrauch kreiert habe. Diese erscheinen nun offiziell.

Oliver: Wie schon bei Targi, stammt die Titel-Illustration aus der Feder von Franz Vohwinkel. Hat er nach deiner Vorgabe gezeichnet, oder hat er dir Vorschläge gemacht?

Witzigerweise hat er sich sehr nah an den Karten meiner selbst gestalteten Prototypen orientiert. Hier ein schönes Beispiel einer Targia Karte: (Links: mein Entwurf)

Targia_Karten

Oliver: Kommen neue Mechanismen dazu, oder werden bestehende nur ergänzt/ausgebaut?

Sowohl als auch. Zum Einen war es mir wichtig, die bereits beliebten Aspekte im Spiel weiter auszubauen, als auch neue Mechanismen einzubauen. Das ist ein nicht ganz einfacher Balanceakt. Man möchte sich ja nicht nur selber wiederholen und zitieren. Genauso wenig ein bereits beliebtes Spielprinzip total umkrempeln. Die Fans erwarten zum einen Bekanntes und Bewährtes, zum anderen aber auch gänzlich neues, ohne das Spiel komplett „neu“ erlernen zu müssen.

Simone: Na dann umschreib doch bitte mal in kurzen Zügen, um was es bei der Erweiterung geht.

Da sind zuerst 45 neue Stammeskarten mit vielen neuen und pfiffigen Fähigkeiten, welche sich vor allem an die Spieler richten, welche Targi schon oft gespielt haben und Lust auf neue Kartenfähigkeiten haben. Wer möglichst viel Neues erleben will, kann einfach mit den neuen Karten separat spielen. Die Karten sind komplett mit denen des Grundspiels kompatibel, man kann also auch einfach mit allen Karten zusammen spielen oder sich auch sein Wunschdeck zusammenstellen.
Des Weiteren sind 10 neuen Randkarten dabei. Hier hatte ich die Möglichkeit auch etwas auf verschiedene Wünsche von Targi Fans einzugehen. Zum Beispiel haben sich mehrere Spieler eine etwas schwächere Fata Morgana gewünscht, diese liegt jetzt bei. Wer die ursprüngliche Variante besser mag, kann natürlich diese einfach weiterhin benutzen. Auch hier ist alt mit neu kompatibel.
Es gibt eine neue Figur die Targia, welche auch auf den Randkarten unterwegs ist. Wer sich zu ihr stellt, erhält einen schicken Bonus, so macht sie möglicherweise eine gerade uninteressantere Randkarte dann doch plötzlich attraktiv.
Als neues Zahlungsmittel ist Wasser hinzugekommen, welches auch eine Art Joker ist. Manche Karten können jedoch auch direkt mit Wasser bezahlt werden. Wasser ermöglicht es zudem, spezielle Funktionen durchzuführen, und wer Wasser spart, erhält am Ende Bonuspunkte.
Die grundlegendste Veränderung sind jedoch die Wanderdünen, welche neben dem Spielplan ausliegen. Auf diese kann man sich mit seinen Targifiguren stellen. Sie haben eine besonders starke oder nützliche Funktion, kosten aber zwangsläufig einen Schnittpunkt auf dem Spielfeld. Zudem blockiert man seinen Mitspieler natürlich auch weniger und gibt diesem so viel Freiraum. Dies ist das einschneidendste Spielelement und bringt nochmals einen gehörigen Portion Entscheidungsfreiraum ins Spiel.
Zu guter Letzt war es mir wichtig, im Hinblick auf die Besitzer der Erstauflage noch eine Handvoll Siegpunktmarker beizulegen. Denn da konnte es ja schon ab und zu mal knapp werden.

Oliver: Das ist eine gute Idee, wir haben auch die Erstauflage. Wird das Spiel durch die Erweiterung länger oder komplexer?

Ein wenig schon, da man noch ein wenig mehr Entscheidungen abzuwägen hat. Die Spielzeit verlängert sich nach dem ersten Kennenlernspiel um ca. 5-10 Minuten. Leuten die Targi noch nie gespielt haben würde ich empfehlen erst zwei, drei Partien ohne die Erweiterung zu spielen, bevor man diese ausprobiert.

Oliver: Und an wen richtet sich die Erweiterung? Speziell an Targi-Fans?

An jeden, der gerne Targi spielt 😉

Simone: Kannst du als Autor den erfahrenen Targi-Spielern noch einen Tipp für ihre erste Partie geben? Worauf sollten sie achten, um nicht enttäuscht vom Spieltisch zu gehen?

Da ist kein Tipp nötig, ich bin überzeugt davon, das Targi Fans nicht enttäuscht vom Spieltisch gehen werden! 🙂

Oliver: Wirst du in Essen sein, um deine Erweiterung vorzustellen?

Auf jeden Fall! Bin jetzt schon ganz aufgeregt, da es sich ja um mein erstes Essen Release handelt. Das Grundspiel ist ja damals in Nürnberg erschienen, wo ich nicht zugegen war. Ich zähle schon die Tage.

Oliver: Was werden wir vom Autor Andreas Steiger in Zukunft hören? Arbeitest du an weiteren Spielen?

Bisher sind alle weiteren Spiele von mir von verschiedenen Verlagen aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt worden. Ich muss also entweder die alten Prototypen noch weiter verbessern oder sie loslassen und mich neuen Projekten zuwenden. Habe mich noch nicht ganz für eine Vorgehensweise entschieden. Sobald es etwas zu berichten gibt, lass ich es Euch wissen!

Oliver: Wir bedanken uns für das tolle und ausführliche Interview und wünschen dir für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg und viele tolle Spiele. Wir sehen uns dann in Essen.

Simone: Danke Andreas.

Freue mich auch, Euch in Essen zu treffen und vielleicht klappt‘s ja auch mal wieder im Schramberger Spielebesen!? (Du weißt ja was ich meine). Ansonsten lese ich ja auch immer gerne die tollen Reviews auf Eurer Webseite und bleibe so mit Euch in Kontakt!


Die Fragen stellte das Team um Spielevater Oliver Sack, © 8. August 2016